WENN SICH KREISE SCHLIEßEN
- Lisa Wolf
- 28. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Dez. 2025
Wir alle sind eingebettet in einen größeren, kosmischen Takt. Jahreszeiten wechseln, Tage reihen sich aneinander, Monate fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen. Ein verlässlicher Rythmus, der sich nach den vergangenen 365 Tage zu einem Kreis schließt, nur um dann wieder von Neuem zu beginnen.
Während sich das Jahr 2025 dem Ende neigt, wird mir bewusst, dass sich meine innere Welt davon losgelöst bewegt. Sich nicht nach einem Kalender richtet – sondern unvorhersehbar, wandelbar und fähig zur Veränderung ist. Zwischen den Jahren fühlt sich die Gedankenwelt tatsächlich noch wilder an als sonst. Der Rückblick lässt eine leise Traurigkeit in mir aufsteigen. Das Jahr war geprägt davon, loszulassen. Von Mustern, Glaubenssätzen und Identitäten, die einmal Orientierung und Sicherheiten gegeben haben – einem jedoch heute nicht mehr entsprechen. Zumindest in Teilen. Von der Erkenntnis, dass nicht jeder die eigene Entwicklung, die man im Leben durchläuft, bereit ist zu respektieren. Geschweige denn zu unterstützen. Insofern es nicht dem eigenen Lebensentwurf entspricht. Und manchmal sind Verbindungen an eine Version geknüpft, die man einmal war und nun hinter sich lassen möchte. Zumindest in Teilen.
Und trotzdem gehe ich weiter. Ist es nicht genau das, was die Bewegung in einem Zyklus ausmacht? Kein lauter Knall. Kein abrupter Stop, sondern eine bewusstes und leises Weitergehen. Als hätte man die Weichen neu gestellt. Basierend auf der Entscheidung, dem Neuen Raum zu geben, auch wenn es sich noch ungewohnt und fremd anfühlt.
Man könnte den Prozess auch Wachstum nennen, obwohl es sich immer noch nicht stimmig und eher wie ein Rückschritt anfühlt. Als hätte man eine Haut abgestreift, die längst zu eng geworden ist. Basierend auf einer Bewegung, deren Tiefe, wenn überhaupt, nur jene begreifen können, die sie selbst vollziehen.
Am Ende des Jahres geht es mir geht es mir weder darum, Vorsätze für das neue Jahr zu definieren, noch um große Meilensteine oder bewundernden Applaus. Nicht um Lebensläufe, die beeindrucken, oder etwas, das oberflächlich betrachtet glänzt, aber in Wahrheit keine Substanz hat. Es geht um Echtheit. Um das behutsame Ent-wickeln der eigenen Wahrheit. Schicht für Schicht. Jahr um Jahr. Wie ein Geschenk, das nicht für andere bestimmt ist, sondern für einen selbst. Und darum, im Kern doch immer die Person zu bleiben, die man schon immer war.
So wird die Kreativität immer ein Teil meiner Identität sein – unabhängig von Umständen, als Raum, den ich mir nehme. Ebenso wie Disziplin, eine bewusste Lebensweise und der Liebe für Ästhetik: Anker, die mich immer wieder zu mir und meinem Kern zurückführen werden und neben den Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, beständig sind.
Vielleicht liegt genau darin der Sinn dieser wiederkehrenden Phase am Ende eines Jahres. Darin, sich bewusst zu werden, dass es nicht darum geht, an Gewohntem festzuhalten oder neue Pläne zu schmieden, sondern: Hin und wieder auszubrechen, links abzubiegen, sich neu auszurichten mit dem Ziel die Altlasten hinter sich zu lassen. So oft es eben notwendig ist. Und dabei die Selbstreflexion als einzige regelmäßige Wiederholung zu praktizieren. Zu prüfen, welche Versionen von uns noch stimmig sind – und welche wir aus Gewohnheit oder Angst mit uns getragen haben. Denn alte Hüllen abzustreifen bedeutet nicht, eine völlig neue Version unserer Selbst zu werden. Es bedeutet, sich zu wählen. Als ein Akt der Selbstfürsorge. Als Selbstschutz, der manchmal, so traurig und schwer es zu akzeptieren sein mag, ab einem gewissen Punkt unvermeidbar wird.
Und trotzdem vertraue ich darauf, dass das Leben für mich passiert. Nicht gegen mich. Die Kunst des Lebens besteht für mich vor allem darin, die Dinge leicht zu nehmen. Immer ein verheißungsvolles Schmunzeln im Gesicht zu tragen, das voller Zuversicht ist. Zu wissen, ich verpasse nichts, was nicht für mich bestimmt ist. Denn, wenn man dem Leben und seinen Phasen vertraut, dann fühlt sich es sich direkt viel leichter an. Es ist sogar wissenschaftlich bewiesen: Wenn man sich auf das Gute konzentriert, verdrahtet sich das Gehirn neu, um mehr Gutes zu suchen. Das ist die Magie der Neuroplastizität.¹
So wird mir gerade mitten im tiefsten Winter bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.²
Und vielleicht ist genau das die leise Einladung des Jahreswechsels: Entgegen der weitestgehend vorhersehbaren kosmischen Zyklen, die eigenen zu unterbrechen und bewusster zu wählen, was wir mitnehmen – und was wir zurücklassen dürfen. Kein People-Pleasing. Kein Schuldgefühl für Beziehungen, die man nicht kaputt gemacht hat. Keine Rechtfertigungen für das Setzen von gesunden Grenzen. Mit dem Wissen, dass alles gut ist, so wie es ist. Indem wir uns selbst wählen. Ausnahmslos.


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