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ALLE JAHRE WIEDER

  • Autorenbild: Lisa Wolf
    Lisa Wolf
  • 26. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Dez. 2025



Ich beobachte die Menschen, wie sie mit übergroßen Einkaufstüten durch die Fußgängerzonen ziehen, einander ausweichen, sich gegenseitig blockieren – als wäre Eile ein stillschweigender Erfolgsgarant für das große Fest der Liebe. Parallel dazu fluten Social-Media-Stories die Screens: geöffnete Türchen, deren Inhalte sich gegenseitig geradezu an Besonderheit und Einfallsreichtum überbieten. Eines – so scheint es – unverzichtbarer als das andere. Es wirkt wie in die Jahre gekommenes Teleshopping – nur subtiler. Jedes Produkt wird inszeniert, als sei es die Innovation des Jahres. Als könne man dadurch das Leben auf ein neues Level heben. Schließlich möchte niemand den nächsten Trend verpassen, niemand zurückbleiben.


Und so ertappe ich sogar mich selbst dabei, wie dieser leise Gedanke in mir aufkeimt: Das brauche ich. Natürlich klingt ein Seiden-Haargummi, das über Nacht die Haare vor Spliss und dem Verknoten schützt, sinnvoll. Vor allem, weil meine Haare am nächsten Morgen dann weniger schwierig zu entwirren wären. Oder diese spezielle Bürste, die verspricht, das Haar sanfter zu kämmen und den Talk vom Ansatz bis in die Spitzen zu verteilen. Nicht zu vergessen, die innovative Form, die sich perfekt der eigenen Kopfform anpasst und das mitgelieferte Zubehör, wodurch sich die Haare im Handumdrehen entfernen lassen: Praktisch. Durchdacht. Verlockend. Und doch weiß ich: Ich kann darauf verzichten.


Nicht, weil ich den Nutzen partout leugne oder mir nichts gönnen möchte. Sondern, weil ein gewöhnliches Haargummi seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Weil meine Bürste, die ich vor Jahren nach einem Friseurbesuch gekauft habe, damals bereits ein vermeintliches Upgrade war – und es noch immer ist. Und weil ich die Mechanismen dahinter durchschaue: Es wird immer etwas geben, das als besser, neuer, unverzichtbarer angepriesen wird als das, was man bereits besitzt. Doch nicht jeder gesetzte Impuls verlangt danach, die beabsichtigte Reaktion darauf erfolgen zu lassen. Nicht jedem Wunsch muss nachgegangen werden, nur weil er geschickt initiiert wurde.


Das Leben ist auch ohne all diese Produkte schön. Und lebenswert. Gerade in dieser konsumreichsten Zeit des Jahres gerät diese Wahrheit leicht in Vergessenheit. Für all jene, denen Selbstreflexion und Selbstbeherrschung schwerer fallen, kann der Wunsch nach Konsum schnell überhandnehmen. Man verliert sich in Angeboten, im Glauben, dieses eine Produkt sei genau das, was fehlt, um sich vollständiger, glücklicher, besser zu fühlen.

Doch das ist es nicht. Oft ist der Kauf nur ein Spiegel einer inneren Leere – einer Leere, die man hofft, mit Materiellem zu füllen. Vielleicht einer Leere jenseits von Freude. Jenseits von Zufriedenheit. Dabei ist es weniger eine Frage des Mangels als eine des Blickwinkels. Und eine Frage dessen, wie bewusst man wahrnimmt, wie schnell die Euphorie über das Neue verblasst, kaum dass es zum eigenen Besitz geworden ist.


Welche Geschenke existieren fernab von Türchen, Verpackungen und glänzenden Schleifen? Vielleicht jene Menschen, die sich um den Tisch versammelt haben? Die Wärme, die sich ausbreitet, ohne mit einem Thermometer messbar zu sein – selbst bei eisigen Minusgraden vor der Haustür.


Während wir nach immer mehr streben und unsere Augen vor Gier zunehmend größer werden, übersehen wir allzu leicht das Glück, das uns längst umgibt: die kleinen Momente, die man nicht kaufen und einem so schnell niemand mehr nehmen kann. Erinnerungen, die man im Herzen trägt.

 
 
 

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