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WAS ZÄHLT, BLEIBT

  • Autorenbild: Lisa Wolf
    Lisa Wolf
  • 26. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Jan.


Ich beobachte die Menschen, wie sie mit großen Einkaufstüten durch die Fußgängerzonen ziehen, sich umeinander bewegen, sich ausweichen, sich gegenseitig ausbremsen – als wäre Eile ein stilles Versprechen auf ein gelungenes Fest der Liebe. Parallel dazu füllen Social-Media-Stories die Screens: geöffnete Türchen, visuell durchdacht, ästhetisch kuratiert, mit einem feinen Gespür für Inszenierung und Storytelling. Eine Welt, die mir Freude macht. Eine Welt, die ich liebe, verstehe und in der ich mich zu Hause fühle: Marketing at its best.


Jedes Produkt wird bewusst in Szene gesetzt, jede Botschaft darauf ausgelegt, Begehrlichkeit zu erzeugen, Emotionen zu wecken und Relevanz zu suggerieren. Vieles davon ist kreativ, clever und handwerklich stark gemacht. Und ja – es funktioniert. Denn niemand möchte den nächsten Trend verpassen oder das Gefühl haben, womöglich etwas zu verpassen.


Gleichzeitig bedeutet dieses Verständnis auch, den Unterschied zwischen Versprechen und tatsächlichem Mehrwert zu erkennen. Nicht alles, was glänzt, verändert den Alltag nachhaltig – und das schmälert weder die Qualität der Inszenierung noch die Faszination dieser Welt. Es ist vielmehr ein bewusster Umgang mit ihr: Konsum nicht aus Ablehnung heraus, sondern aus einer reflektierten Haltung. Aus dem Wissen heraus, dass Marketing begeistert, inspiriert und antreibt – und dass nicht jede Begeisterung zwangsläufig in Besitz münden muss.


So ertappe auch ich mich dabei, wie dieser vertraute Gedanke auftaucht: Das könnte ich gebrauchen. Ein Seiden-Haargummi, das die Haare über Nacht schützt und den Morgen erleichtert. Eine besondere Bürste, die verspricht, sanfter zu kämmen und Pflegeprodukte gleichmäßig zu verteilen. Eine durchdachte Form, cleveres Zubehör, praktische Details. All das ist sinnvoll. Und verlockend. Und doch weiß ich: Es ist kein Muss.


Nicht, weil ich mir nichts gönnen möchte oder den Nutzen abwerte. Sondern, weil vieles, das ich bereits besitze, seinen Zweck weiterhin erfüllt. Weil meine Bürste, die ich vor Jahren nach einem Friseurbesuch gekauft habe, damals schon ein kleines Upgrade war – und es bis heute geblieben ist. Und weil ich die Dynamik dahinter erkenne: Es wird immer etwas geben, das als noch besser, noch neuer, noch unverzichtbarer präsentiert wird. Doch nicht jeder Impuls muss in Handlung übersetzt werden. Und nicht jeder Wunsch braucht eine unmittelbare Erfüllung.


Das Leben ist auch ohne all diese Produkte reich. Gerade in der konsumintensivsten Zeit des Jahres gerät diese Erkenntnis leicht in den Hintergrund. Wer sich selbst weniger aufmerksam begegnet, kann sich schnell im Strudel aus Angeboten und Versprechen verlieren – in der Hoffnung, dass dieses eine Produkt etwas ergänzt, das vermeintlich fehlt.


Doch oft geht es weniger um Mangel als um Perspektive. Um die Frage, wie bewusst wir wahrnehmen, wie kurzlebig die Euphorie über Neues sein kann. Wie schnell etwas, das eben noch besonders war, Teil des Alltags wird. Und wie wenig davon wirklich dauerhaft erfüllt.


Welche Geschenke existieren jenseits von Türchen, Verpackungen und glänzenden Schleifen? Vielleicht sind es die Menschen, die gemeinsam am Tisch sitzen. Gespräche, Lachen, geteilte Zeit. Eine Wärme, die nicht messbar ist – selbst wenn draußen frostige Temperaturen herrschen.


Während wir nach immer mehr greifen, übersehen wir manchmal, wie viel bereits da ist. Das Glück, das uns umgibt, zeigt sich oft in den kleinen, leisen Momenten. In Erinnerungen, die man nicht kaufen kann – und die bleiben.

 
 
 

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